Coffee Break: Im Gespräch mit Barbara Beck

«Wenn ich könnte, würde ich noch ein Fachstudium absolvieren.» Seit rund 30 Jahren ist Barbara Beck als selbstständige Fachübersetzerin im Technikbereich tätig und erfreut sich treuer und langjähriger Kunden. Zu den Grundpfeilern ihrer Arbeit zählen nicht nur ihre drei Sprachen und ihr enormes Fachwissen, sondern auch ihr Selbstbewusstsein und die Kunst, Fragen zu stellen und mit dem Kunden «auf Augenhöhe umzugehen».


Als mich Barbara in ihrem Büro in Freiburg in Breisgau empfängt, strahlt sie genau das aus, was sie später im Gespräch mehrmals betonen wird: Know-how, Selbstbewusstsein und jede Menge Spass an ihrem Beruf. Das Gemeinschaftsbüro teilt sie mit anderen freiberuflichen Übersetzern, die Räume riechen förmlich nach Sprachen und Texten und Wissen. An einem kleinen Tisch mit Kaffee und Kuchen stelle ich Barbara meine erste Frage: «Wieso, denkst du, möchte ich gerade dich interviewen?» Vorsichtig stellt Barbara Vermutungen an, doch den wirklichen Grund verrate ich ihr nicht – zumindest nicht sofort: Könnten Barbaras ruhige und ausgeglichene Art, ihre Expertise und langjährige Erfahrung als «optisches Ensemble» festgehalten werden, dann wäre dieser Blogartikel der ultimative Eyecatcher. Barbara vereint in ihrer Person zudem den technischen und professionellen Wandel der letzten 30 Jahre: von der Schreibmaschine zum Computer, von den Karteikarten zum CAT-Tool, von der Fremdsprachenübersetzung zum «Hype» des Muttersprachenprinzips und – allen Widrigkeiten zum Trotz – von der Kundenakquise zur Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Barbara, wann und wie hast du angefangen?

Ich habe zunächst vier Jahre als Diplom-Übersetzerin im Fremdsprachendienst eines Industrieunternehmens gearbeitet, ich kam frisch von der Uni. Das war in den 80er-Jahren, damals hatten wir noch Schreibmaschinen (lacht). Die Arbeit war nicht besonders gut bezahlt, aber ich habe unheimlich viel gelernt. Davon profitiere ich heute noch.

Woran denkst du genau?

Wir hatten dort die Möglichkeit, gelegentlich ins Werk zu gehen und uns die in der Bedienungsanleitung oder im Handbuch beschriebenen Maschinen oder Teile anzuschauen und gezielt Fragen zu stellen. Die Zusammenarbeit unter den Kolleginnen war auch toll: Dadurch, dass nie zwei Personen gleichzeitig mit derselben Sprachkombination gearbeitet haben, gab es keine direkte Konkurrenzsituation, aber eine sehr intensive Einarbeitung.

Welches waren deine Sprachkombinationen?

Ich habe mich für Englisch und Spanisch beworben. Übersetzt wurde dort sowohl aus der Fremdsprache als auch in die Fremdsprache.

Wirklich? Und wie stand es mit dem Muttersprachenprinzip?

Ach, Muttersprachenprinzip (verdreht die Augen), das ist eines meiner Lieblingsthemen! Damals gab es diesen Hype noch nicht. Ausserdem hatten wir im Team ja Muttersprachlerinnen unterschiedlicher Sprachen, und auch dank der Zusammenarbeit mit unternehmenseigenen Niederlassungen konnten die Handbücher problemlos übersetzt werden.

Hast du denn mit den Fremdsprachen keine Schwierigkeiten? Du bist sicher viel schneller, wenn du ins Deutsche übersetzt…

(Denkt nach) Ich sage es mal so: Im technischen Bereich, also in meinen Fachgebieten, bin ich bei Übersetzungen in die Fremdsprache schon schnell. Neue Fachgebiete und insbesondere Marketingtexte lasse ich ohnehin immer von muttersprachigen Kollegen lesen. Man muss auch sagen, dass Übersetzungen ins Deutsche teilweise auch ihre Tücken haben, vor allem wenn die Ausgangssprache Englisch ist. Da kann ein Terminus ja alles Mögliche bedeuten und manchmal kann man nur vermuten, was der Autor sagen wollte.

Das heisst, du arbeitest nicht regelmässig nach dem 4-Augen-Prinzip.

Häufig, aber nicht immer. Es ist ja auch nicht immer realistisch, denn zwei weitere Augen kosten zusätzlich Zeit, und natürlich auch Geld. (Denkt nach) Ideal ist einfach die Zusammenarbeit in einem Team mit Fremd- und Muttersprachlern.

Was ist deiner Meinung nach der wichtigste Aspekt in einem unternehmensinternen Fremdsprachendienst bzw. Sprachendienst?

Heute wird leider zu viel outgesourct. Im Unternehmen sitzt dann höchstens ein Projektmanager, der sich um die Auftragskoordination kümmert. Es wird einfach nicht bedacht, wie unglaublich wichtig es für die Übersetzer ist, vor Ort zu sein und Zugang zu den Produkten zu haben. Sich damit gut auszukennen und nachfragen zu können. Es ist den Unternehmen häufig nicht bewusst, dass dadurch enorm viel Service- und Hotlinezeit gespart werden kann, und damit natürlich auch Geld. Der finanzielle Aspekt eines internen Sprachendienstes wird von den Unternehmen meiner Meinung nach falsch definiert und sollte überdacht werden.

Wie bist du zum Freelancing gekommen?

Nach drei Jahren im Industrieunternehmen habe ich mein Arbeitspensum reduziert, weil ich nebenher schon Aufträge von Gerichten und Notaren hatte. Über meine Mitgliedschaft beim BDÜ kamen ebenfalls Anfragen, so konnte ich langsam meinen Kundenstamm aufbauen. Es war eigentlich ein idealer Einstieg ins Freelancing.

Und wann hast du dich entschieden, deine Stelle definitiv aufzugeben?

(Lacht) Rate mal, das typische Klischee: Kind! Ich hatte sowieso schon immer die Vorstellung, meinen Beruf so zu gestalten, dass ich beides – also Kinder haben und arbeiten – durchgängig machen kann. Und das hat wunderbar geklappt, auch nach dem zweiten und dritten Kind. Möglich war das übrigens auch dank meiner guten Kunden.

Wie meinst du das?

Ich war in einer sehr komfortablen Situation: Als mein erstes Kind geboren wurde, hatte ich schon feste Kunden. Ich kannte viele Mitarbeiter persönlich und konnte auch in schwierigen Situationen oder bei Engpässen auf deren Verständnis zählen. Viele Kunden geben mir das Gefühl, Teil ihres Teams zu sein.

Als externe Stammübersetzerin mit einem enormen Wissen hat man also gute Chancen.

Ja, das ist schön ausgedrückt. Dazu kommt mir auch ein lustiges Erlebnis in den Sinn (lacht).

Erzähl mal.

Eine Firma, für die ich jetzt seit 27 Jahren übersetze, hatte einen neuen Abteilungsleiter bekommen und eine neue Maschinenlinie eingeführt. Für die Präsentation wurde ein Wochenende mit Vertretern aus aller Welt organisiert – und da ich das Dokumentationsprojekt aktiv mitgestaltet hatte, wurde ich auch eingeladen. Zudem war ich die einzige Frau. Dann werde ich diesem neuen Abteilungsleiter vorgestellt und er fragt mich: «Und? Konnten Sie ein bisschen was verstehen von der Präsentation?». Meine Auftraggeber wären am liebsten im Boden versunken! Und ich hab geantwortet: «Ja, Herr Soundso, ich hab die Präsentation und sämtliche Dokumentation übersetzt.»

Das war ihm hoffentlich peinlich!

(Lacht) Klar! Wir kamen später bestens miteinander aus. Zum Glück ist mir diese Haltung selten begegnet.

Welche Haltung denn?

Dieses typische... (Denkt nach) Kennst du den Satz: «Ach, übersetzen Sie doch einfach, was da steht»? (Lacht) Da denkt man manchmal schon an das Wort «Kundenerziehung».