Duzen auf Webseiten: abschreckend und unprofessionell?

«Auf deiner Webseite wird geduzt?!» Mit dieser Frage wurde ich von praktisch allen meinen deutschsprachigen Feedbackgebern konfrontiert, bevor sie sich überhaupt zum konkreten Inhalt meiner Webseite geäussert haben. Welche Gründe hinter dieser Entscheidung stehen und weshalb Bikulturalität und Individualität dabei eine zentrale Rolle spielen, erfährst du hier.


Bemerkungen wie «Meinst du nicht, dass das abschreckend wirkt?» und «Ich weiss nicht, vielleicht ist das Siezen professioneller» sind berechtigt, denn ungeschriebene Regeln zur Anrede, die es im Alltag zu beachten gilt, gibt es in den meisten Sprachräumen. Ungeschrieben bedeutet, dass diese Regeln Teil der jeweiligen Kultur sind und für gewöhnlich durch Nachahmung im Kindesalter und Erfahrung verinnerlicht werden. Das hilft uns, in bestimmten Situationen nicht ins Fettnäpfchen zu treten, weil wir die jeweilige Situation kennen bzw. einschätzen können und daher genau wissen, welche Anrede von uns erwartet wird. Im deutschen Sprachraum ist gemäss Duden das «Sie» im Berufsleben und beim Kennenlernen die bevorzugte Variante, denn «gerade im beruflichen Umfeld wird dadurch eine notwendige und durchaus nützliche Distanz gewahrt». Das spontane Duzen kann nämlich je nach Gegenüber als Unverschämtheit aufgefasst werden, und ganz allgemein wirkt das Siezen doch dezenter und respektvoller.

Webseiten und Social Media

Im World Wide Web scheint diese Regel nicht immer von tragender Bedeutung zu sein. Insgesamt sprechen die meisten Unternehmen zwar ihre Kunden mit dem höflichen «Sie» an, doch die Meinungen, ob man in sozialen Netzwerken etwa automatisch zum modernen «Du» übergehen kann, sind geteilt. Eine kurze Onlinerecherche hat zum Beispiel ergeben, dass 20 von 20 Sprachdienstleistungsunternehmen im Raum Zürich ihre Leser mit «Sie» ansprechen. Zum Switch kommt es nur bei zwei dieser Sprachdienstleister, und zwar bei den Stellenangeboten, wo potenzielle Bewerber mit «Du» angesprochen werden. Besucht man die Seiten der gleichen Anbieter auf Facebook, kann es vorkommen, dass man in der Chronik auf lauter Duzis, Smileys und Onomatopöien stösst. Fest steht also: Das Duzen oder Siezen hängt nicht nur von Unternehmenstyp und -kultur sowie vom strategisch festgelegten Internetauftritt ab, sondern auch von der Art der Onlineplattform und deren Benutzergruppe.

Italien: Wo das Duzen zuhause ist

Ob auf Webseiten oder Social Media-Plattformen: Manch ein deutschsprachiger Benutzer wird sich beim Surfen auf .it-Seiten über die «innige» Beziehung von italienischen Unternehmen mit ihren (potenziellen) Kunden gewundert haben. Überall wird man mit «Du» angesprochen (seltener mit der Mehrzahlform «voi»), überall trifft man auf kolloquiale Imperative wie «Registrati ora!» und «Scopri le nostre offerte!». Von höflichen Aufforderungen wie «Bitte geben Sie Ihr Passwort ein» fehlt jede Spur. Schräg? Nicht in Italien, denn so ist die italienische Werbesprache eben und entsprechend fest in der italienischen Kultur verankert. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Kunde in einem Brief mit «Ciao Mario» begrüsst wird, und auch bei der telefonischen Kontaktaufnahme darf man in der Regel die gewöhnliche Höflichkeitsform «Lei» samt Anrede mit Nachnamen erwarten.

Schweizer Freelancer-Webseite mit Italianità

Vielleicht hätte ich meine deutschsprachige Leserschaft also doch lieber siezen sollen, denn als Deutsch-Italienisch-und-viceversa-Übersetzerin ist es ja meine Pflicht, die zu übersetzenden Texte den Gepflogenheiten des jeweiligen Sprach- und Kulturraums anzupassen. Aber: Eine Freelancer-Webseite ist kein Unternehmen im ursprünglichen Sinne, sondern der Internetauftritt einer Einzelperson, die sich und ihre Dienstleistungen meist sehr individuell präsentiert. Genau diese Individualität sowie die zweisprachige Aufmachung meiner Webseite waren ausschlaggebende Gründe für den Versuch, die Sprachen und den Internetauftritt insgesamt soweit wie möglich zu harmonisieren. Bei den deutschen Texten wird so für eine Prise Italianità gesorgt, die nicht nur meine Dienstleistungen, sondern auch mich als Freelancer und Person charakterisiert. Ob das nun auf fremde Besucher abschreckend oder unprofessionell wirkt, sei dahingestellt. Ist schliesslich nicht der Gesamteindruck, der wirklich zählt?

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Kommentare: 2
  • #1

    Toni (Donnerstag, 08 Januar 2015 14:36)

    Einfach nur Wowww!!!! Super Dienstleistung!!!

  • #2

    Patrizia (Donnerstag, 08 Januar 2015 16:26)

    Vielen Dank, Toni!